Regionalkreisreise an den Bodensee
Reise der Regionalkreise Franken und München an den Bodensee
vom 16. bis 20. September 2009
Von unserem „fränkischen Türken“, Herrn Sinan Aidan, sicher chauffiert, kommen wir nach gemütlicher Fahrt am Nachmittag des 16.9. in Güttingen bei Radolfzell am Bodensee an, wo wir im Gasthof „Adler“ in schöner ruhiger Lage und, wie sich herausstellt, gut beköstigt bestens untergebracht sind. Erstes Glanzlicht unserer Reise ist dann gleich ein Besuch bei Familie Dres. Zech ganz in der Nähe. Wir werden mit herzlicher Gastlichkeit und feinstem Bodenseewein empfangen und sind alle begeistert von ihrer Sammlung herrlicher alter Uhren und Antiquitäten. Was für ein liebevoll eingerichtetes wunderschönes Heim!
Am 17.9. frühmorgens geht es dann nach Schaffhausen zur Firma IWC. Nach Einführung in den Werdegang (140 Jahre Fertigung von Taschen- und Armbanduhren) und die heutige Strategie (nur mechanische Uhren, handwerkliche Perfektion, Verzicht auf Massenproduktion) der International Watch Company werden wir in zwei Gruppen durch die insgesamt zehn Abteilungen der Manufaktur geführt und haben danach Zeit, uns in Ruhe im Firmenmuseum umzuschauen. Die ca. 230 Exponate umfassen frühe Kaliber Jones-Uhren (in amerikanischen Gehäusen), erste Taschenuhren mit Digitalanzeige, Frack- und Damenschmuckuhren, frühe IWC-Armbanduhren, Flieger-, Beobachtungs- und Taucheruhren und natürlich „Il Destriero Scafusia“, eine der kompliziertesten Armbanduhren der Welt, die in limitierter Auflage zum 125. Firmenjubiläum hergestellt wurde.
Nach einem Mittagsimbiss in der Altstadt fährt ein Teil der Gruppe hinaus zur Moser Schaffhausen AG, die an eine 175jährige Tradition anschließend ebenfalls Präzisionsuhren herstellt. Der Namensgeber Heinrich Moser (1805-1874), ein Uhrmacher aus Schaffhausen, der in Russland zu Wohlstand gelangte – er belieferte den Zarenhof, die Fürstenhäuser und das russische Militär – , war nach seiner Rückkehr in die Schweiz durch seine Unternehmungen (Kanalbau, Waggonbau, Eisenbahn, Bau des Rheindamms zur Erzeugung von Antriebsenergie) maßgeblich an Schaffhausens Eintritt in das Industriezeitalter beteiligt. Die von ihm gegründeten Firmen sind größtenteils bis heute erfolgreich tätig.
Die übrigen Teilnehmer genießen eine sehr interessante Führung durch die Altstadt vorbei an prächtigen Bürgerhäusern mit reichbemalten und geschnitzten Fassaden hinauf zum Munot, einer im 16.Jh. erbauten Artillerieanlage zur Erweiterung der Stadtbefestigung, hoch über den Häusern mit weitem Blick über Stadt und Land rheinauf- und -abwärts. Besonders beeindruckend ist die Kasematte, ein gewaltiges Gewölbe mit vier Meter dicker Decke, wo in Kriegszeiten auch die Bevölkerung Schutz fand. Heute werden Kasematte und Vorplatz für Theatervorstellungen und Konzerte genutzt.
Ein besonderes Schmankerl ist am späten Nachmittag die Kartause Ittingen, gegründet im Jahre 1150, aufgehoben 1848, heute Schulungs- und Seminarzentrum. Beeindruckend ist der Kontrast zwischen der kargen eremitischen Lebensführung der Mönche in ihren Zellen – jeder bewohnte ein eigenes Häuschen – und der überbordenden spätbarocken Pracht ihrer Kirche mit einer prachtvollen Deckenuhr.
Am 18.9. fahren wir nach Winterthur. Nach kurzem Gang über den sehr ansprechenden Wochenmarkt besuchen wir das Museum Kellenberger, eine einzigartige Uhrensammlung, die Konrad Kellenberger (1905-19769) ab 1925 in nur 44 Jahren zusammengetragen hat. Frau Brigitte Vinzens führt uns nach herzlicher Begrüßung kenntnisreich auf eine Zeitreise durch vier Jahrhunderte und alle Aspekte der Uhrengeschichte von frühesten Formen der Zeitgeschichte über Räderuhren, Prunkuhren des 16. und 17. Jahrhunderts, Laternenuhren, Pendel- und tragbare Uhren aus dem 18.Jh. bis zur Serienproduktion und elektrischen Zeiterfassung. Besonderes Gewicht liegt auf eisernen Konsolenuhren von Liechti aus Winterthur und Schweizer Holzräderuhren aus dem 18. Jh. Eines der Glanzstücke der Sammlung ist eine astronomische Prunkuhr in Form einer Monstranz aus Augsburg von ca. 1600. Großes Interesse findet bei den Uhrenfreunden auch die einsehbare Restaurierungswerkstatt.
Nach dem Mittagessen geht es weiter nach Zürich. In zwei Gruppen besuchen wir dort das Museum Beyer und den Juwelier und Uhrmacher Türler.
Die schier unglaubliche Sammlung Beyer umfasst ca. 500 Exponate aus allen Bereichen der Uhrmacherkunst von einer ägyptischen Wasseruhr um 1400 v.Chr. bis zu zwei Patek Philippe Quarzuhren modernster Konstruktion mit einer Abweichung proTag von einer Tausendstel bzw. einer Millionstel Sekunde. Dazwischen liegen Holz- und Eisenuhren ab dem 12.Jh., erste Zimmeruhren, Renaissance-Uhren (u.a. ein Nürnberger Ei), herrliche Tischuhren aus Gold und Silber wie der „Vogel Greif“ von 1640, der zum nationalen Kulturgut erklärt wurde, Prunkstücke wie die „Tête de Poupée“ von Isaac Thuret, Paris 1690, eine Tischuhr mit Planetarium von J. A. Lepaute von 1770, eine Automatenuhr in Form einer Pagode, hergestellt 1780 in London für den chinesischen Kaiserhof, eine Uhr und ein Parfümbehälter in Form von zwei Kirschen aus Goldemail und die kleinste Uhr der Welt sowie Marinechronometer und Beobachtungsuhren.
Fast noch unglaublicher ist die Türler-Uhr, das von Franz Türler erbaute Modell des Kosmos, ein mechanisches Universum, eine „Uhr von einzigartiger Vollkommenheit“.
Die Uhr läuft seit dem 21. Juni 1995, ihre fünf Werke zeigen ein umfassendes astronomisches Spektrum von der kleinsten Zeiteinheit, der Sekunde, bis zum Sternenhimmel, der für einen Umlauf 25794 Jahre braucht. Nur mit Mühe können sich die Uhrenfreunde von diesem Wunderwerk trennen.
Nach so viel Perfektion dann eine unliebsame Überraschung: die Rückfahrt nach Güttingen verzögert sich, der Bus ist defekt und Abhilfe – es ist Freitagnachmittag – nicht einfach. Aber hartnäckiges Telefonieren von Herrn Beuerle und Herrn Aidan schafft dann doch sowohl einen Mechaniker als auch einen Ersatzbus herbei, so dass wir schließlich noch zu einem verspäteten Abendessen in unser Hotel gelangen.
Am Samstagmorgen, ist der Bus repariert, und wir fahren an das Südufer des Bodensees zum Schloss Arenenberg, wo nach Napoleons I. Absetzung seine Stieftochter Hortense mit ihrem Sohn, dem späteren Napoleon III: Asyl fand und Wohnung nahm. Wir wandern zuerst ein wenig in den schönen Parkanlagen umher und genießen den weiten Blick auf den unter uns liegenden See, dann werden wir durch die original erhaltenen Räume von Hortense sowie Napoleon und seiner Frau Eugenie geführt; sehr interessant und sehenswert.
Anschließend geht es nach St. Gallen. Über den dort gerade stattfindenden „Genussmarkt“, wo wir uns an z.T. gratis angebotenen Köstlichkeiten aus dem Umland delektieren, gelangen wir zur Kathedrale. Dort erwartet uns unsere Stadtführerin. Sie erläutert uns den Dom von außen – einer der letzten monumentalen Sakralbauten des Spätbarock – und von innen – eine Mischung aus Rokoko und Klassizismus, wobei in erster Linie die barocke Prachtentfaltung ins Auge fällt, ähnlich wie in Ittingen. Dann gehen wir hinüber in die Stiftsbibliothek, den schönsten profanen Rokokosaal der Schweiz. Sie ist Weltkulturerbe und umfasst 160.000 Handschriften, Frühdrucke und Bücher, viele davon aus frühmittelalterlicher Zeit (u.a. den Abrogans, das älteste deutsche Buch, einzigartige Neumenhandschriften, den Karolingischen Klosterplan, der älteste seiner Art, und eine der drei Urhandschriften des Nibelungenliedes. Bei der darauf folgenden Führung durch den historischen Stadtkern besichtigen wir die St. Laurentiuskirche, die erste reformierte Kirche der Stadt, sowie die Stelle, wo nach der Reformation zeitweilig eine hohe Mauer den Dombezirk von eben dieser Kirche und den reformierten Bürgern abschottete. Der weitere Rundgang führt vorbei an prächtigen Bürgerhäusern und über die „Stadt-Lounge“, ein modernes Projekt, das versucht, Straßen und Plätze durch einheitlich rote Bemalung, quasi aus dem Straßenbelag herauswachsende Sitzgelegenheiten und besondere Leuchtkörper in Innenräume zu verwandeln, eben in eine riesige Lounge.
Am Sonntag treten wir die Heimreise an – mit Zwischenstop in Mindelheim, wo sich in der ehemaligen Sylvesterkirche das erste und reichhaltigste Turmuhrenmuseum Deutschlands befindet. Der Lehrer Wolfgang Vogt hat dort fünfzig Turmuhren aus der Zeit von 1562 bis 1933 zusammengetragen und so vor der Vernichtung bewahrt und der Nachwelt erhalten.
Äußerst kurzweilig und mit vielen vergnüglichen Anekdoten erklärt er uns seine Sammlung, die auch Präzisionsuhren aller bedeutenden süddeutschen Hersteller umfasst. Ein besonders schönes Stück ist auch die Nachbildung einer astronomischen Uhr aus dem Jahre 1529. Wir erklimmen den 48 Meter hohen Kapellturm, wo auf etlichen Etagen verschiedenste Turmuhren und die Pendel von weiter oben befindlichen Uhren zu sehen sind. Ganz oben können wir dann die Uhr mit dem zweitlängsten Pendel der Welt bestaunen und werden mit einem guten Glas Wein belohnt und verabschiedet.
Nach ruhiger Fahrt kommen wir am Abend wieder nach München und Nürnberg zurück und sind uns einig: Unter Herrn Beuerles Leitung (bei erschwerten Bedingungen: Frau Beuerle konnte wegen eines gebrochenen Knöchels nicht mitfahren, sodass alles Organisatorische auf seinen Schultern lastete) hatten wir eine lohnende, interessante und harmonische Reise. Herzlichen Dank dafür!
Anne Dörrie