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 Betreff des Beitrags: KIENZLE Jahresuhr 1909
BeitragVerfasst: Di 18. Apr 2017, 20:22 
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Registriert: Fr 11. Jan 2013, 10:21
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:) Und wieder eine echte "Antiquität": Eine Jahresuhr von Kienzle, 1909.

Nachdem die Uhr bei mir angekommen war, folgte auch gleich die Ernüchterung: Nichts gehörte bei diesem "Werk" zusammen. Der Sockel dünnes Messingblech und die Säulen zu kurz. Keine Qualität der Kienzle-Uhrenfabrik. Die Krone des Werkes stammt von einer BADUF und eigentlich sollte das Werk von Kienzle in einem mindestens 45 cm hohen Gehäuse sein werk verrichten.
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Nun ja, man(n) kann ja nicht alles haben und das (Uhren)leben ist kein Wunschkonzert, was sich der Konstrukteur dieser Marriage wohl auch gedacht hat. Es wurden alle möglichen und unmöglichen Teile aus Schubladen, etc. zu einer Uhr zusammen gebastelt.

Mein eigentliches Problem war nun, diese unterschiedlichen Teile zum "miteinander die Zeit anzeigen" zu bringen.

Ein Blick auf die Platinen ließ mich böses ahnen: Der letzte Reparateur hat alle - wirklich alle - Lager ersetzt. Wahrscheinlich, weil er nach ca. 12 Monaten Reparaturversuchen wie mir der Besitzer verriet, nicht mehr weiter wusste. Das Ersetzen wäre ja nicht so dramatisch, wenn er (der Uhrmacherlehrling nehme ich an) auf die Worte seines Meisters gehört hätte. Lager dürfen nie über die Zapfen hinaus gehen (Ausnahme: Tonnenzapfen bei Schwarzwalduhren). Wenn die Zapfen nämlich IM Lager laufen, graben sie sich ein und klemmen dann. Uhr steht!
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Besondere Beachtung verdiente dann das Ankerlager. Dieses Lager wird generell bei der Herstellung auf den richtigen Eingriff justiert und dann vernietet. Es KANN sich nicht selbst verstellen, und trotzdem wird an diesen Lager immer als Erstes gedreht, was der Schraubendreher an Kraft hergibt. Bei dieser Uhr war das exemplarisch, wie man sehen kann.
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Nun ja. Lange Schreibe, kurze Erklärung: Alle Lager nach gearbeitet, die Ölsenkungen so hergestellt, dass die Zapfen richtig laufen konnten, Zapfen Poliert, etc., was man(n) halt so machen muss.
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Dateianhang:
5066-Polierte-Teile.JPG



Zähne geputzt, Platinen poliert und versiegelt, Lager nochmals gereinigt und alles wieder an seinen Platz montiert. Jetzt die Pendelfeder. Natürlich den Terwilliger gefragt und die nach dieser Tabelle Passende aus dem Fundus.....
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Ehy, die Uhr rennt ja! Also, diese Uhr hat 8 Schläge pro Minute. Mit der angegebenen Feder machte sie aber gut und gerne 10! Mir selbst ans Hirn geklopft. Vor Arbeiten und Zuschneiden Hirn einschalten! Das Gehäuse war doch nicht original und die Pendelfeder daher zu kurz, oder? Also muss die neue Pendelfeder doch schwächer sein, damit das Pendel wieder auf seine 8 Schläge kommt. Leider war ich in meinem Alter bis heute zu faul, mir eine Methode zur Berechnung von Pendelfedern aus zu denken. Probieren ist ja einfacher, kostet nur Geld :oops: . Na ja, mit der Zeit habe ich so einiges an Erfahrungen gesammelt und aus diesem meinem Schatz habe ich dann ohne weitere Schnippelei die passende Pendelfeder gefunden und eingebaut.
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Nun ist es ja so, dass nicht einfach die Pendelfeder schwächer gemacht werden kann und alles Andere so bleibt, wie es ist. Eine schwache Feder neigt gewaltig zum "Galoppieren". Dann muss man eben die weiteren Kriterien auch noch anpassen, um dieses Problem zu beseitigen. In meinem Fall war das mit einer Veränderung zwischen Gabel und Ankerstab zu regeln. Dachte ich. Denn: der Ankerstab wurde auch mal durch einen gehärteten Stab ersetzt, weiß der Geier, warum. Mein Biegeversuch endete mit einem leisen "Knack"! Zum Glück war der verbliebene Rest im Anker noch lang genug um ihn entfernen zu können und ein neuer, weicher Tamponstahl war schnell eingeschlagen. Jetzt war auch das Galoppieren abgeschafft und der Gang stimmte - fast :? . Eine genaue Beobachtung der Hemmung und ihrer Paletten förderte zu Tage, dass auch hier gestellt und geschliffen wurde, was das Metall so her gab.
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Nun gut. Die Paletten hatten noch genügend Material und das demontieren von Uhrwerken beherrsche ich ja auch ganz gut :shock: . Paletten neu geschliffen und den Eingriff eingestellt, alles nur zur Übung, nicht zur Strafe.

Mit 1 1/2 monatiger Verspätung habe ich die Uhr dann ins Münsterland gebracht und ich hoffe, dass der Besitzer mit meinem "Werk" zufrieden ist. Ich jedenfalls bin es :mrgreen:
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5072-und-sie-bewegt-sich-do.JPG


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Rolf-Dieter, der Stromer

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 Betreff des Beitrags: Re: KIENZLE Jahresuhr 1909
BeitragVerfasst: Mi 19. Apr 2017, 07:58 
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Registriert: Sa 21. Aug 2010, 09:47
Beiträge: 581
Wohnort: Wien
Hallo Rolf-Dieter,
wie immer ein super Beitrag von Dir mit tollen Fotos und kurzweiligen Kommentaren.
War mir eine echte Freude ihn zu lesen.

lg Christian

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Fragen, Korrekturen und Ergänzungen zu meinen Beiträgen sind ausdrücklich erbeten und gewünscht!


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 Betreff des Beitrags: Re: KIENZLE Jahresuhr 1909
BeitragVerfasst: Do 20. Apr 2017, 09:21 
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Registriert: Mo 8. Okt 2012, 09:35
Beiträge: 138
Hallo,

"dolle" Geschichte!
Danke für die tollen Bilder - und das Erklären. Da weiß man gleich: hier ist der Fachmann am Werk (und wundert sich!).
Schön, dass du dir solche Patienten annimmst.

Gruß,
derTeichfloh

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HolzZahnRadUhrenSammler


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 Betreff des Beitrags: Re: KIENZLE Jahresuhr 1909
BeitragVerfasst: Do 20. Apr 2017, 23:14 
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Registriert: Mo 21. Apr 2014, 00:09
Beiträge: 67
Wohnort: Bayern
Servus Rolf-Dieter,

ich wundere mich bei Deinen Beiträgen immer wieder, mit wieviel Geschick und Arbeitseinsatz Du solche Katastrophen-Uhren (anders kann man diese Uhr wohl kaum bezeichnen) wieder zum Laufen bringst. Ich habe großen Respekt vor Deiner Leistung. Danke für den Beitrag mit den tollen Bildern.

Viele Grüsse

Norbert


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