Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Vorstellung von Uhren und Uhrensystemen

Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Beitragvon Typ1-2-3 » Sa 3. Feb 2018, 18:37

In meiner Sammlung befindet sich eine frühe elektrische Uhr mit besonderem Antrieb, aber leider einem sehr störenden Schaden auf dem Zifferblatt. Die Uhr wurde von einer Firma namens „Electric“ in Frankreich hergestellt. Sehr viele dieser Uhren gibt es nicht, sie sind relativ selten. Das Gehäuse ist außergewöhnlich. Sehr viel Wurzelholz und einige Gussapplikationen. Außerdem ist die Zelle innerhalb des Gehäuses direkt neben dem Pendel und nicht hinter dem Uhrwerk, weshalb diese Uhr um einiges flacher ist als die übrigen ATO-Uhren. Sie sieht dadurch eleganter aus und gefällt mir sehr.

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Der wesentliche Unterschied zu den ATO-Uhren von Leon Hatot ist der Magnetantrieb, der einerseits verbessert wurde, andererseits hat die Transportsicherung darunter gelitten. Sonst kann man das Pendel feststellen, was hier nicht möglich ist.

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Das Bild zeigt den bogenförmigen Magneten, der eine Art Hufeisen bildet und daher einen besser konzentrierten Magnetismus an seiner Spitze ausbildet. Die Folge daraus ist, dass man Mühe hat, die Schwingungsweite des Pendels einzufangen. Alle Federn im Uhrwerk mussten so weit wie möglich angespannt werden: Die Kontaktfedern bekamen mehr Zug, außerdem bekam die Spirale, welche die Sperrklinge betätigt, mehr Spannung. Dazu wurden die Kontaktfedern möglichst weit vom Platinkontakt entfernt eingeregelt, sodass sie nur so gerade eben und möglichst kurz berührt werden. Auf diese Art sollte auch der Stromverbrauch verringert sein. Dadurch ist das Tickgeräusch der Uhren etwas lauter als bei den Hatot-Uhren mit leicht bogenförmigem Magneten.
Auch der Uhrmacher, der vor mir an der Uhr gearbeitet hat, hatte Mühe mit der Pendelamplitude: Er setzte mit Hilfe nachträglich eingefeilter Langlöcher den Begrenzungsbogen aus Messing über der Spule nach außen, und zwar so weit, dass er nicht mehr halten konnte. Also lötete er noch ein Stück Messing zusätzlich an, um die Langlöcher weiter verlängern zu können. Sehr unschön, und so musste ich dieses Blechteil neu anfertigen.
Auch so ist die Pendelamplitude so hoch, dass nicht sehr viel Platz bis zur Zelle auf der anderen Seite ist, die sich direkt neben dem Pendel befindet.

Die Herstellermarke befindet sich an gleicher Stelle wie bei Leon Hatot, die Schriftart der Nummer ist auch identisch. Vom Namen „Leon Hatot“ ist allerdings nichts zu finden.

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Auch das Uhrwerk ist eindeutig Leon Hatot. Hat jemand eine Partie Uhrwerke, Kontakte und Spulen von Hatot gekauft und eine eigene Uhr damit entworfen? Möglicherweise Haller und Benzing, wie bei Clockdoc vermutet? Das Zifferblatt jedenfalls hat die Marke „Made in France“.

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Wer die Uhr nun gebaut hat, bleibt etwas unklar, und auch das Netz zeigt keine eindeutigen Zuordnungen dieses Herstellers. Allerdings werden einige wenige Uhren unter dem Namen Clairetta verkauft, und genau die Uhren mit diesem Namen tragen auch den hufeisenförmigen Magneten mit identischem Uhrwerk. Z. T. lässt sich hier das Pendel zum Transport aushängen. Es trägt dazu in der Mitte seiner Stange eine stabile Kupplung. Ansonsten sind die Uhren identisch.

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Das Bild zeigt das Zifferblatt, welches einige Beschädigungen aufweist. Offensichtlich ist das Blatt aus dünnem Aluminiumblech einmal durchgebogen worden. Weil die Farbe ohne Grundierung aufgebracht wurde – was bei allen Zifferblättern tadellos bis heute hält – ist sie dadurch stellenweise abgeblättert und weist waagerechte Risse auf. Das Blatt ist sehr empfindlich, weil die Farbe mehr oder weniger lose und teilweise schon abgeblättert ist.

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Dieses Bild zeigt die Beschädigungen im Detail, und man sieht die mittlerweile äußerst grazile Struktur, die schon mit jedem Lufthauch schlechter werden kann.

Und hier kommt Paintworker aus dem Uhrenwerkstattforum: Er zeigte, wie man mit dem Laser Zifferblätter fertigen kann. Auf meine vorsichtige Anfrage meinte er, dass er auch versuchen könne, größere als Taschenuhrzifferblätter zu lasern.
Hier ist der Link im Uhrenwerkstattforum:

https://www.uhrenwerkstattforum.de/t102 ... ffe-4.html

Ich habe ihm also ein Messingblech geschickt, welches die Formen des endgültigen Blattes hatte. Nun schaut, was er draus gemacht hat:

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Ein perfektes Blatt! Gestern kam es mit der Post an. Ich hatte einen Freund zu Besuch, der sich meine Elektrouhrensammlung ansehen wollte, und wir packten das Paket aus. Die Uhr hat echt dazugewonnen.
Danke, Paintworker.

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So sieht die nun perfekte Uhr aus.
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Re: Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Beitragvon Chroniker » So 4. Feb 2018, 20:43

Hallo Frank,

was für eine wunderbare und interessante Ato! Und das neue Zifferblatt ist natürlich der Hammer!! (Würde es Dir etwas ausmachen, mir per PM den ungefähren Preis mitzuteilen?)

Doch nun zu Deiner Uhr:

ES ist wirklich eine sehr ATO-ähnliche Konstruktion, aber das weißt Du besser als ich. Nur der Name "Eledtric" ist auch für mich vollkommen unbekannt und lasst mich auf einen sehr kleinen Betrieb schließen.

Andererseits ist aber die Seriennummer auf Deiner Uhr überraschend hoch. Deshalb meine Frage: Könnte es sich dabei doch um eine Hatot-Lizenz handeln? (Denn Hatot war ja mit seinen Lizenzen sehr großzügig.)

Noch ein anderer Hinweis:

Ich bin in meinen Uhramcherzeitungen vor kurzem auf ein sehr interessantes Fachbuch über elektrische Uhren aller Art gestoßen. Es ist allerdings in Französisch.

Der Titel: "Le Horlogèr-Electric" von Albert Berner.

Dieses Buch zählt alle schweizer Elektro-Uhren Patente im Zeitraum 1889 bis 1924 auf. Ferner enthält es Zeichungen aller wichtigen Elektro-Uhrenkonstruktionen von Faverger, Hatot usw. Kennst Du dieses Buch?

Wie gesagt, ich habe das Buch selbst auch nicht, ich habe nur darüber gelesen. Aber vielleicht ist es in der DGC-Bibliothek vorrätig.

Viel Spaß mit Deiner Uhr!

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Re: Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Beitragvon KleineSekunde » So 4. Feb 2018, 22:05

Hallo Frank,

vielen Dank für diesen sehr schönen Bericht!

Das Zifferblatt sieht wirklich toll aus!!

Leider kann ich keine Bilder in dem Nachbar-Forum sehen, eventuell hätten sich sonst meine Fragen "erübrigt"...

Du schreibst, dass du ein angepasstes Messingblech verschickt hast, welches dann per Laser bearbeitet wurde. Diese Blech wurde dann anschließend wohl versilbert und die laser-gravierten Vertiefungen schwarz ausgelegt. Ist das so richtig? Wenn es so sein sollte, würde mich die verwendete Versilberungsmethode interessieren, da ich ja auch selber schon entsprechende Versuche unternommen und sie hier vorgestellt habe.

Vermutlich hast du einen Scan des originalen Zifferblattes verschickt, welcher dann aufbereitet / überarbeitet wurde, als Vorlage für den Laser-Vorgang.

Da das Zifferblatt ursprünglich wohl keine Vertiefungen hatte, die dann ausgelegt wurden:
Könnte es auch eine Option sein, ein versilbertes Blatt / ein Zifferblatt, welches silberfarben lackiert / angesprüht wurde, professionell bedrucken zu lassen?

Bei meinen TN-Außenuhren (Durchmesser 40 cm) bin ich so vorgegangen, mit einem (zweifachen) Druck direkt auf das weiße Plexiglas-Zifferblatt. Die Konturen sind scharf und für mich in dem Fall völlig ausreichend. Ob es bei einem dann kleineren Zifferblatt auch so sein könnte, welches eher aus der Nähe betrachtet wird??

Nur so als Idee, ob es machbar ist, weiß ich natürlich nicht...

Wünsche dir aber viel Spaß mit der schönen Uhr!

Vielen Dank!

Schöne Grüße

Guido / KleineSekunde
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Re: Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Beitragvon Typ1-2-3 » Mo 5. Feb 2018, 20:36

@ Chroniker:

Den Preis kann ich Dir nicht sagen, denn das war ein Versuch - der super gelungen ist - und der Preis war meiner Meinung nach ein echter Freundschaftspreis, der nichts mit der geleisteten Arbeit zu tun hat. Ich will daher fair sein - und schweigen.

Meiner Vermutung nach hat diese Uhr äußerst viel mit den ATOs zu tun, weil auch die Nummerierung an der gleichen Stelle angebracht ist mit der gleichen Ziffernart und -größe und der gleichen Stellenanzahl. Ich vermute, dass sich die Nummern relativieren, wenn man zeigt, dass die Nummern dieser Uhren mit der gleichen "5" anfangen, (ATOs haben da eine 1). Ich hatte schon mal so eine Uhr, welche die Nummer 501077 hat. Diese hat 501092. Beide Uhren sind also nicht weit voneinander weg. Andere Uhren auf Clockdoc haben die Nummer 500008 und 500481. Man kann also mit ziemlichem Recht vermuten, dass alle Uhren mit 50 anfingen, und nicht allzu viel mehr Uhren als knapp über 1000 Stück produziert wurden. Eventuell hat sogar Hatot diese Uhren selbst gebaut, wer weiß?

Den "Berner" habe ich als pdf, und so weit ich weiß, kann man ihn bei Clockdoc.org herunterladen. Versuche es mal. Und Du hast Recht, die Patente elektrischer Uhren sind im Anhang aufgezählt. Um Patente dieser Uhren herauszufinden, gibt es noch 2 Quellen: Thomas Schraven: Elektrische Uhren - Deutschland. Leider vergriffen. Und Patent Abridgements Horology Bd. I: 1855 - 1900 und Bd II 1901 - 1930. Letzteres in englisch, und mit einiger Mühe findet man auch neben anderen Uhrenpatenten die über elektrische Uhren.

@ Guido:
Diese Zifferblätter sind gänzlich anders gemacht. Ich habe es mir aber auch nur erzählen lassen: Ein Messingblech wird auf Maß zugeschnitten (Alu ist nicht geeignet, warum später mehr) und mit Grundierung und 2K-Lack lackiert. Es gibt eine vollflächig weiße Fläche. Danach kommt der Laser: Eine JPG-Datei wird in eine Vektor-Datei umgebaut (wenn man Ahnung hat, 1 Stunde, wenn nicht kann das Tage dauern), damit wird der Laser bestückt. Weil dieses Blatt zu groß war, um in einem Rutsch gelasert werden zu können, musste das Blatt versetzt und in 4 Partien gelasert werden. Problem: Das Umsetzen muss sehr präzise erfolgen, sonst gibt das Versatz. Dabei wird der weiße Lack verdampft und das darunter liegende Messing geschwärzt. (Daher ist Alu auch nicht geeignet, das wird dabei glänzend). Dann erfolgt eine Schutzschicht aus Klarlack. Keine Versilberung, also dem ursprünglichen Blatt sehr ähnlich, aber mit einer gaanz leichten Vertiefung der Zahlen in Lackdicke.

@ Chroniker:
Wie Du siehst, ein äußerst aufwändiges Verfahren. Kann nicht billig sein!

Frank
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Re: Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Beitragvon Chroniker » Mi 7. Feb 2018, 14:11

Hallo Frank,

das mit dem Zifferblatt verstehe ich natürlich, kein Problem. Aber es ist interessant zu sehen, was alles möglich ist.

Deine Uhr wird dadurch unbedingt aufgewertet! Und wenn Du auch noch die Lackierung des Wurzelnurnieres auf der Türe angehst, dann ist die Uhr rundherum perfekt!

Zu der Seriennummer: Mir kommt da so ein Gedanke: Da Hatot mehrere Lizenzen seiner Entwicklung vergeben hat: Könnte es sein, dass immer die erste Ziffer auf den Lizenznehmer verweist? Dann wäre die Seriennummer sogar eine Art Code.
Denn irgendwie ist die Seriennummer schon sehr hoch. Oder kommt es mir nur so vor?

Freundliche Grüße!

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Re: Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Beitragvon Barney Green » Mi 7. Feb 2018, 14:43

Das mit den Codierungen für Großkunden wäre sogar ein recht übliches Vorgehen. Kann ich in meinem Kernsammelgebiet auch beobachten.
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Re: Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Beitragvon Typ1-2-3 » Mi 7. Feb 2018, 16:59

Halte ich durchaus für möglich.
Zum Wurzelholzfurnier: Wenn ich als Metaller da drangehe, wird das eher schlechter. Beim Foto kommt das mehr heraus als wenn die Uhr bei etwas diffusem Licht im Raum hängt. Ich lasse es also so, wie es ist.
Frank
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Re: Seltene Electric-ATO mit neuem Zifferblatt

Beitragvon Chroniker » Mi 7. Feb 2018, 21:42

Frank, die Aufarbeitung ist kein Problem: Dur darfst nur kein Schleifpapier nehmen und gleich gar nicht eine Schleifmaschine. Sonst wird das Holz fleckig.

Möpelrestauratoren nehmen in diesem Fall sehr feine Stahlwolle, denn die kann sich den Unebenheiten des Untergrundes besser anpassen. Und dann wird nur der verwitterte Teil des alten Lackes abgehoben und dann drüber lackiert. Aber in jedem Fall mit einem Seidenmattlack und keinem hochglänzenden Lack. Und vorher den Staub gut abblasen.

Du wirst sehen, das geht gut! In diesem Zustand sieht die Türe schon sehr verwittert aus.

Aber das ist natürlich Deine Entscheidung.

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