Ich hätt´ da mal ne Frage (4)

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Ich hätt´ da mal ne Frage (4)

Beitragvon droba » So 14. Sep 2014, 17:08

Hallo Uhrenfreunde,

ich habe eine sehr spezielle Frage zu den Marinechronometern:

In Deutschland konnten Marinechronometer erst ab etwa 1835 hergestellt werden (z.B. von Chr. Fr. Tiede) , die Rohwerke stammten aber in Wirklichkeit alle aus England.

Erst ab etwa 1890 wurden in Deutschland auch die Rohwerke hergestellt: Zuerst von einem Betrieb, dann noch von einem weiteren.
Diese Rohwerke wurden dann an die Chronometermacher vor allem in Hamburg und Berlin geliefert und dort fertiggestellt und zur Chronometerprüfung angemeldet.
Viele Chronometer hat auch Lange & Söhne in Glashütte hergestellt, aber nicht die Rohwerke dafür.

Ich finde es sehr auffallend, dass in Deutschland kein Betrieb die See-Chronometer in allen Teilen hergestellt und justiert hat. Auch die Rohwerkhersteller haben keine ganzen Chronometer hergestellt, obwohl man ja davon ausgehen sollte, dass diese dazu am ehesten in der Lage gewesen wären.

Deshalb meine Frage:

- Warum hat F.A. Lange keine Rohwerke für Marinechronometer gemacht?
- Was könnte der Grund für die Aufteilung in Rohwerk-Hersteller und Chronometer-Hersteller in Deutschland gewesen sein?


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Re: Ich hätt´ da mal ne Frage (4)

Beitragvon Chroniker » Di 6. Feb 2018, 13:17

Hallo Uhrenfreunde,

ich hole diese schon etwas ältere Frage wieder hoch, da sie sich mittlerweile befriedigend beantworten lässt:

Die Aufteilung in Chronometer-Hersteller und Rohwerke-Hersteller kam dadurch zustande, da die Rohwerke für Marinechronometer handwerklich sehr geschickte Uhrmacher, aber auch sehr spezialisierte Maschinen zur Bearbeitung der Werkteile erforderten. Andererseits waren Marinechronometer aber nie Bestandteil einer Serienfertigung, sondern immer Einzelstücke.

Um die fertig montierten Rohwerke aber für das Marine-Zertifikat vorzubereiten, bedurfte es dem Know-How einiger weniger Spezialisten, die Dank ihres Könnens und Erfahrung das Maximum an Genauigkeit in ein Rohwerk hineinarbeiten. Dafür waren aber keine Maschinen mehr, sondern Erfahrung, Diamantine usw. erforderlich. Und sehr viel Zeit!

Ein Chronometermacher, wie Tiede, hat deshalb nicht nur ein Marinechronometer justiert, sondern gleich mehrere gleichzeitig. Und Werkstätten, wie Paul Stübner, konnten sich auf die Herstellung der Rohwerke beschränken.

Und speziell bei der Firma A. Lange Söhne erfolgte die Fertigung von Marinechronometern im ersten Weltkrieg so:

Die Fertigung von Taschenuhren konnte wegen staatlichen Anweisungen und wegen fehlender Materialzuteilung nur noch auf sehr geringem Niveau fortgeführt werden. Aber der Staat forderte Marinechronometer für die Marine und diese konnten bislang nicht in ausreichender Menge in Deutschland hergestellt werden. Und aus dem Ausland auch nicht besorgt werden.

Deshalb hat sich A. Lange & Söhne im ersten Weltkrieg zur Finissierung/Reglage von Marinechronometern entschlossen, obwohl man hierbei über keinerlei Erfahrung verfügte. Aber man ging folgendermaßen vor:

Es wurden erfahrene Chronometer-Spezialisten, wie Gustav-Gerstenberger für die Dauer des Krieges in die Firma geholt. Und Gerstenberger hatte zusammen mit den besten Uhrmachern von Lange & Söhne die Rohwerke z.B. von Paul Stübner zu finissieren und regulieren. Und auf diese Weise konnte die Fertigung deutscher Marinechronometer in den Kriegsjahren erheblich gesteigert werden und Lange & Söhne hatte auch etwas Arbeit in den Kriegsjahren.

Aber nach dem Krieg ist Gustav Gerstenberger sofort wieder selbstständig geworden und hat noch lange auch in die DDR-Zeit hinein Marinechronometer und andere Präzisionsuhren für die Chronometerprüfungen einreguliert.

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Re: Ich hätt´ da mal ne Frage (4)

Beitragvon Ursus » Di 6. Feb 2018, 19:31

A. Lange: Oestmann schreibt hierzu, dass Emil Lange bereits 1886 zwei Chronometer zur Prüfung bei der Deutschen Seewarte eingereicht. In dem Prüfungsbericht heißt es dazu "... beansichtigt dieselbe (ALS) auch fernerhin die Anfertigung von Marinechronometer fortzusetzen."
D.h. schon lange vor dem 1. WK hat ALS Marinechronometer hergestellt.

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Re: Ich hätt´ da mal ne Frage (4)

Beitragvon Chroniker » Di 6. Feb 2018, 20:27

Ja, da war was, aber was genau, lässt sich nicht mehr ermitteln, denn die Chronometerprüfungen haben keine Namen der Einreicher, sondern nur die Anzahl der eingereichten und zertifizierten Chronometer bekannt gegeben.

Zudem gab es immer wieder Konferenzen, auf denen überlegt wurde, wie die Chronometerfertigung in Deutschland intensiviert werden kann. Manche Redner sprachen sich sogar dagegen aus, da in Deutschland keine wirtschaftliche Fertigung von Chronometern zu erreichen sei.

Hier noch eine interessante Passage über die Chronometerfertigung von einer dieser Konferenzen aus der deutschen Uhrmacherzeitung, die unsere Ausgangsfrage der Arbeitsaufteilung auch für England bestätigt.

Chronometerfertigung 1893.jpg


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